MediClin folgen

Lehrer in der Stressfalle

Pressemitteilung   •   Nov 29, 2006 17:30 CET

Blieskastel, im November 2006. Psychischer Stress im Beruf gehört zu den wichtigsten Faktoren, die zu gesundheitlichen Belastungen und ernsthaften Erkrankungen führen können. Besonders belastend wirkt sich hier ein Missverhältnis zwischen dem persönlichen Einsatz und der hierfür erhaltenen Anerkennung aus. Eine Berufsgruppe, die besonders häufig von Stressfolgen wie beispielsweise dem Burnout-Syndrom betroffen ist, sind Lehrer – und dies mit steigender Tendenz. Lehrer weisen einen deutlich erhöhten Krankenstand sowie eine sehr hohe Rate an Frühpensionierungen auf. "Es ist eindeutig zu beobachten, dass Lehrer zunehmend mit psychischen Problemen belastet sind und somit der Bedarf am Thema Lehrergesundheit in den letzten Jahren signifikant gestiegen ist", betont Prof. Dr. Volker Köllner, Chefarzt der Fachklinik für Psychosomatische Medizin an den Bliestal Kliniken, eine Einrichtung der MediClin.

Äußere Faktoren sind nicht alleine Schuld
Äußere Gegebenheiten wie etwa zu große Klassen, mangelnde Motivation, gravierende Verhaltensauffälligkeiten und wachsende Aggressionsbereitschaft bei den Schülern spielen bei der Entstehung von Stress- und Belastungssymptomen eine zentrale Rolle. So wies jüngst die Universität Freiburg in einer Untersuchung nach, dass innerhalb eines Jahres 43 Prozent der Lehrkräfte zum Ziel von massiven verbalen Angriffen wurden. Mehr als vier Prozent wurden mit körperlicher Gewalt bedroht und 1,4 Prozent waren davon betroffen. Kaum verwunderlich, dass nahezu ein Drittel (29,8 Prozent) der Lehrkräfte an medizinisch relevanten Stress- und Belastungssymptomen leidet.

Mit äußeren Faktoren alleine kann das häufige Auftreten von stressbedingten Erkrankungen allerdings nicht erklärt werden. Hinzu kommt ein weiterer wesentlicher Aspekt: Viele Lehrer neigen dazu, sich unverhältnismäßig stark zu verausgaben. Schuld daran ist eine mangelhafte Abgrenzungsstrategie: "Lehrer werden für ein scheinbar angenehmes Privileg beneidet, das sich oftmals ins Gegenteil umkehrt. Sie unterrichten fünf oder sechs Stunden am Vormittag in der Schule und fahren danach nach Hause. Es wird nicht berücksichtigt, dass Lehrer zusätzlich viel Heimarbeit leisten müssen, womit wiederum die Gefahr der Selbstausbeutung, etwa regelmäßig bis nach Mitternacht über Korrekturen sitzen, verbunden ist. Auf diesem Wege gelangen sie in eine Erschöpfungsproblematik", unterstreicht Prof. Köllner. "Arbeitet man in einem Büro, ist zu einem bestimmten Zeitpunkt Feierabend und man sieht, dass auch die Kollegen nach Hause gehen. Dann fällt es leichter, ebenfalls die Arbeit ruhen zu lassen."

Lehrer aller Schulformen betroffen
Dabei ist das Auftreten von Stress- und Belastungssymptomen unabhängig von der Schulform. Einheitlicher gestaltet sich da schon das Alter der Betroffenen. Häufig handelt es sich um Lehrer, die das 50ste Lebensjahr bereits überschritten haben und sich erst spät mit der Problematik auseinandersetzen. Prof. Köllner schildert ein typisches Beispiel: "Zuletzt hatten wir eine 54-jährige Studienrätin in Behandlung, für die ‚Lehrerin’ immer ein Traumberuf war. Nach der Geburt ihrer beiden Kinder setzte sie jeweils nur für ein Jahr aus, engagierte sich zusätzlich als Vertrauenslehrerin und baute eine Theatergruppe auf. Bis zu ihrem 48. Lebensjahr hatte sie weder berufliche noch gesundheitliche Probleme. Dann erlitt sie einen Bandscheibenvorfall, der konservativ mit Krankengymnastik behandelt werden konnte. Als der neue Schulleiter ihr bei der Gestaltung des Stundeplans nicht entgegenkam und die Teilnahme an der gewünschten Reha-Sportgruppe unmöglich wurde, erlebte sie dies als massive Kränkung. In der Folgezeit litt sie zunehmend unter Rückenschmerzen, fühlte sich müde und schnell reizbar – trotz Aufgabe der Theatergruppe. Als sie im Konflikt mit den fordernd auftretenden Eltern einer leistungsschwachen Schülerin von ihren Kollegen keine Rückendeckung erhielt nahmen Ärger und Frustration zu. Bei Klausur-Korrekturen gab sie sich immer mehr Mühe, um bloß keine Fehler zu machen und keine Angriffsfläche zu bieten. Als ihr eine ‚Problemklasse’ zugeteilt wurde, fühlte sie sich der Belastung immer weniger gewachsen und nachdem eine Unterrichtsstunde immer wieder durch Lärm und Leistungsverweigerung unterbrochen wurde, erlitt sie einen Zusammenbruch. Die Lehrerin wurde wegen einer Depression krank geschrieben und konnte es sich nicht vorstellen, wieder vor eine Klasse zu treten."

Auswege aus der Stressfalle
Ein entscheidender Punkt bei der Prävention und Behandlung von Stress- und Belastungssymptomen ist die frühzeitige Intervention: "Lehrer müssen lernen, das Hamsterrad anzuhalten und über ihre Probleme zu reden. Anstatt zu versuchen, es ’irgendwie hinzubekommen’, müssen auftretende Schwierigkeiten offen zur Sprache gebracht werden", betont Dipl. Psych. Rolf Gillmann, der das Therapiekonzept für Lehrer mit entwickelt hat . "Engagierte Lehrer, denen der Stress über den Kopf wächst, sollten sich auf keinen Fall durch immer mehr Engagement in eine Erschöpfungskrise manövrieren. Entscheidend ist es, konsequent Zeit für sich selbst einzuplanen, auf sich selbst zu achten. Und dies durchaus nicht nur im therapeutischen Bereich, sondern auch durch Sportarten, welche die Gesundheit fördern."

Reichen Joggen, Walken, Radfahren oder Entspannungsmethoden nicht aus, ist der nächste Schritt die Supervision. Bei einer Supervision setzen sich Lehrer mit weiteren Kollegen zusammen und diskutieren unter der Leitung dafür ausgebildeter Psychotherapeuten über schulische Erfahrungen und immer wiederkehrende Problemsituationen. Die Supervision, die zumeist von den Schulbehörden oder von Netzwerken wie etwa "Gesunde Schule" angeboten wird, ist dabei noch eindeutig außerhalb des klinischen Bereichs einzuordnen. "In diesem Bereich besteht noch großer Aufklärungsbedarf. Viele Lehrer und Schulen wissen gar nicht um die Möglichkeiten, die bereits zur Verfügung stehen", betont Prof. Köllner. "Wenn die Probleme allerdings darüber hinausgehen, dürfen sich Lehrer nicht scheuen, auch professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen."

Das Behandlungskonzept der Bliestal Kliniken
So bietet das Zentrum für Gesundheit am Arbeitsplatz (GAP) in den Bliestal Kliniken ein spezifisch auf die Bedürfnisse von Lehrern abgestimmtes Behandlungskonzept. Die Behandlung wird von einem multiprofessionellen Team bestehend aus Ärzten, Psychologen und Kreativtherapeuten vorgenommen. Nach einer eingehenden Problemanalyse und Diagnostik wird ein realisierbares Ziel im Sinne einer Verhaltens- und Situationsveränderung gemeinsam mit dem betroffenen Lehrer vereinbart und das weitere Vorgehen geplant. Hierbei werden verschiedene Therapiemodule angewendet, zu denen auch gezieltes Training in den Bereichen Stressbewältigung, Zeit- und Konfliktmanagement sowie Selbstsicherheit und Durchsetzungsfähigkeit gehört. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit einer individuellen Psychotherapie.

Wie groß das Interesse am Thema Lehrergesundheit ist, verdeutlicht die Nachfrage am ersten Saarländischen Lehrergesundheitstag. Die Landesanstalt für Pädagogik und Medien, die für die Lehrerfortbildung im Saarland zuständig ist, trat an die Bliestal Kliniken mit dem Wunsch heran, Weiterbildungsveranstaltungen zu vereinbaren. "Im Vorfeld haben wir über eine Mindestteilnehmerzahl von 30 Personen diskutiert. Tatsächlich mussten wir bei 120 teilnehmenden Lehrern schließen, da unsere räumlichen Kapazitäten ausgereizt waren – und das im kleinen Saarland", so Prof. Köllner. Für 2007 sind deshalb Folgeveranstaltungen in den Bliestal Kliniken geplant. Bereits im Januar wird der 2. Saarländische Lehrergesundheitstag in den Bliestal Kliniken stattfinden. Im Mai wird eine Veranstaltung speziell für Schulleiter folgen. Ziel ist es, die Vorgesetzten für die gesundheitlichen Belastungen ihrer Mitarbeiter zu sensibilisieren und ihnen Wissen und Fertigkeiten hinsichtlich Früherkennung und Prävention zu vermitteln.

 

Über die Bliestal Kliniken
Unter dem Dach der Bliestal Kliniken in Blieskastel befinden sich die Fachklinik für Psychosomatische Medizin, die Fachklinik für Orthopädie und Rheumatologie sowie die Fachklinik für Innere Medizin. Die Einrichtung verfügt über 471 Betten und beschäftigt 310 Mitarbeiter.

Über die MediClin
Die MediClin ist ein bundesweit tätiger Klinikbetreiber und einer der großen Anbieter in den Bereichen Neuro- und Psychowissenschaften sowie Orthopädie. Mit 30 Klinikbetrieben, acht Pflegeeinrichtungen und zwei Medizinischen Versorgungszentren in elf Bundesländern verfügt die MediClin über eine Gesamtkapazität von rund 7.700 Betten. Bei den Kliniken handelt es sich um Akutkliniken – dies sind Krankenhäuser der Grund- und Regelversorgung, der Schwerpunktversorgung und Fachkliniken – und um Fachkliniken für die medizinische Rehabilitation. Für die MediClin arbeiten rund 6.900 Mitarbeiter.

 

Kommentare (0)

Kommentar hinzufügen

Kommentar