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Stipendien der MEDICLIN Klinik am Vogelsang für humanitäre Hilfe im Nordirak

Pressemitteilung   •   Jul 09, 2019 15:25 CEST

Mona Kizilhan und Annalena Baerbock MdB im Irak (Quelle: gruene.de)

Donaueschingen, 9. Juli 2019. Die MEDICLIN Klinik am Vogelsang hat es 2018 zwei Studierenden an der Universität in Dohuk/Irak ermöglicht, mit einem Stipendium ihre Ausbildung als Psychotherapeuten und Psychotraumatologen an der Universität Duhok im Nordirak zu absolvieren.

Mona Kizilhan, Verwaltungsleiterin der transkulturellen psychosomatischen Abteilung an der Klinik, ist jetzt an die Universität Dohuk (Irak) gereist, um sich mit den Stipendiaten auszutauschen und sie bei ihrer Arbeit in den Flüchtlingscamps zu begleiten.

Frau Kizilhan, Sie sind zum ersten Mal nach Dohuk gereist. Wie war Ihr erster Eindruck vor Ort?

Ich war noch nie im Irak und habe über meinen Mann, der seit 2014 dort Projekte verwirklicht, und natürlich über die Medien viel über den IS-Terror und das Leben der Menschen in den Flüchtlingscamps gehört. Zugleich ist es historisch das Zweistromland zwischen Tigris und Euphrat und dort ist die Zivilisation geboren. Ich bin insgesamt positiv von der Entwicklung des Landes überrascht. Es ist ein gut entwickeltes und modernes Land. Vor allem hat mich die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der Menschen sehr beeindruckt. Dohuk ist eine sehr grüne Stadt und vor allem sehr sauber. 

Das ist die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite hat der IS-Terror seit 2014 das Land verwüstet, über 10.000 Menschen ermordet und Tausende von Kindern und Frauen versklavt. Die UN spricht von einem Genozid gegen die religiöse Minderheit der Yeziden. In der Stadt Duhok, wo auch unsere beiden Studenten ihre Ausbildung machen und in den Flüchtlingscamps ihre Praktika leisten müssen, leben immer noch über eine halbe Millionen Flüchtlinge in diesen Camps.

Sie haben einen direkten Einblick in die Ausbildung der Therapeuten, die im Rahmen ihres Masterstudiums in Psychotherapie und Psychotraumatologie im Institut für Psychotherapie und Psychotraumatologie (IPP) an der Universität Dohuk ausgebildet werden, erhalten.

Für die Menschen im Land ist es sehr wichtig, dass die Ausbildung der Therapeuten vor Ort stattfinden kann. Ziel der Ausbildung ist es, dass die Therapeuten traumatisierte, schutzbedürftige Menschen in Kliniken, Betreuungseinrichtungen und in den Camps behandeln können. Bei den Patienten handelt es sich vor allem um Frauen und Kinder, die in den Händen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) waren. Es war ein gutes Gefühl, diese Wichtigkeit der Ausbildung selber zu sehen und mittendrin dabei zu sein. Bei den Konflikten im Nahen Osten geht es nicht nur ums Überleben der Menschen, sondern die Menschen müssen versorgt werden. Unsere beiden Stipendiaten erzählten mir, dass beispielsweise Mütter durch die Therapie wieder Kraft bekommen, um ihre Kinder versorgen zu können. Durch die Ausbildung kann den Menschen direkt geholfen werden. Es ist natürlich ein Tropfen auf den heißen Stein, aber nur mit Geduld und der Ausbildung von Fachkräften kann den Menschen vor Ort geholfen werden. Dies ist zugleich Fluchtursachenbekämpfung: Die Menschen müssen vielleicht dann ihr Land nicht verlassen.

Mit den Studierenden – für zwei Studierende hat die MEDICLIN Klinik am Vogelsang ja ein Stipendium ermöglicht – haben Sie auch Flüchtlingscamps besucht. Können Sie uns einen Einblick in die Arbeit im Camp geben? Ist das Projekt erfolgreich?

Die Studierenden betreuen regelmäßig in den Camps sowie anderen Einrichtungen schwer traumatisierte Menschen. Der Bezirk Dohuk hat 24 Camps, vier Camps habe ich besucht. Bei meinem ersten Camp-Besuch – hier leben ungefähr 8.500 Menschen – hatte ich auch die Gelegenheit, Annalena Baerbock (MdB), Bundesvorsitzende von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, zu begleiten und wir konnten uns vor Ort einen ersten Eindruck von dem Schicksal der Menschen und der möglichen Hilfe machen. Die Situation in den Camps hat uns sehr erschüttert, die Bedingungen sind sehr schlecht. In den Zelten und Containern leben viele Menschen, teilweise ist es über 40 Grad heiß, die Wasserversorgung ist mangelhaft. Neben den Therapeuten arbeiten auch NGOs vor Ort und leisten wichtige Arbeit, aber es reicht leider nicht aus. 90 % der Menschen in den Camps sind Yeziden. Viele Yezidinnen wurden entführt, erlebten Sklaverei und Missbrauch während der IS-Gefangenschaft. Es werden immer wieder Mädchen und Frauen aus der IS-Gefangenschaft befreit und kommen in die Flüchtlingslager im Nordirak. Sie sind alle schwer traumatisiert, können mit den traumatischen Erfahrungen kaum umgehen.

Anfangs war ich mir nicht sicher, ob es für die Menschen gut ist, wenn wir kommen. Ich habe jedoch erfahren, dass die Menschen sehr offen sind und sich freuen, dass andere Menschen sie besuchen und ihr Leid weitertragen und hoffen, dass Lösungen für sie gefunden werden können.
So ist zum Beispiel vor vier Jahren die heute 11-jährige Medya schwer traumatisiert in ein Camp gekommen. Sie hat mit niemanden gesprochen und ist mehr als zehnmal am Tag in Ohnmacht gefallen. Unsere Therapeuten haben sich um Medya gesorgt und behandeln sie seit zwei Jahren. Wir haben ihr eine Puppe geschenkt, damit sie mit ihr sprechen kann. Als ich im Camp war wollte ich sie natürlich sehen. Dann stand sie plötzlich in einem Container vor mir, hat mich angeschaut, gelächelt und wir konnten uns ungezwungen unterhalten. Dies war nur durch die Therapie möglich. Ich war so glücklich und werde diesen Moment nicht vergessen.

Sie haben in Dohuk auch an der zweiten internationalen Konferenz „East meets West“ über Traumata nach Völkermord und Massengewalt, Verletzung, Therapie und Gerechtigkeit teilgenommen. Welchen Eindruck haben Sie bei der Konferenz erhalten?

Es ist eine sehr interessante Erfahrung für mich, dass so viele Wissenschaftler, Forscher, Politiker und Ärzte aus über zwölf Ländern in das Krisengebiet Irak reisen, weil sie etwas für diese Menschen erreichen wollen. Die Experten des Iraks und anderer Weltreligionen haben sich über die verschiedenen Formen von Traumata – transgenerationale, kollektive, internationale und individuelle Traumata – ausgetauscht. Viele Kulturen besitzen ein anderes Verständnis von Krankheit und Gesundheit. Wichtig war es, zu erfahren, welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten es in den Behandlungsmethoden des Nahen Ostens und der westlichen Welt gibt und ob die Behandlungsmethoden, die in der westlichen Welt entwickelt wurden, auch in anderen Kulturen helfen oder welche regionalen, kulturellen Besonderheiten bei der Unterstützung zu berücksichtigen sind. Besonders, da wir hier in der MEDICLIN Klinik am Vogelsang in der transkulturellen psychosomatischen Abteilung kulturspezifisch Traumata und psychische Störungen behandeln, sind die Themen der Konferenz sehr aktuell. Wir können diese Erkenntnisse auch für unsere Abteilungnutzen, da wir unter anderem viele traumatisierte Menschen aus der ganzen Welt behandeln.

Als Sie wieder den Heimweg angetreten haben – was haben Sie für sich innerlich mitgenommen – was hat sich verändert?

Die Wichtigkeit und Dringlichkeit, humanitäre Hilfe zu leisten, hat sich bei mir verstärkt. Den traumatisierten Menschen in den Camps wird geholfen, aber die Hilfe reicht nicht aus. Ich bin dankbar, dass die Klinik mit Stipendien zwei Studierende unterstützt.
Die Arbeit meines Mannes sehe ich nun mit anderen Augen. Es ist eine richtige und wichtige Entscheidung, dass er seit 2014 verschiedene Projekte ins Leben gerufen hat. Die Menschen profitieren direkt. Es ist ein gutes Gefühl, zu sehen, wofür er das macht.

Die Rückkehr der Menschen in ihre Heimat, in die Ninive-Ebene beziehungsweise den Distrikt Sindschar, ist schwierig. Dörfer liegen in Trümmern, Angehörige sind tot oder geflohen. Für mich ist es wichtig, dass langfristig Rahmenbedingungen für die Rückkehr der Menschen in ihre Heimat entwickelt werden und die Menschen wieder Vertrauen aufbauen und in Sicherheit leben können. Hierbei können humanitäre Politik, Hilfe und Forschung vor Ort wichtige Ansätze sein.

Das Interview führte Ulrike Hettich-Wittmann, Marketing – MEDICLIN Klinik am Vogelsang.

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Pressekontakt:
Ulrike Hettich-Wittmann
Marketing
MEDICLIN Klinik am Vogelsang
E-Mail: ulrike.hettich-wittmann@mediclin.de
Tel.: 0771 / 851-0

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Institut für Psychotherapie und Psychotraumatologie an der Universität Dohuk
Seit 2017 werden Psychotherapeuten an der Universität Dohuk im Nordirak in dem Institut für Psychotherapie und Psychotraumatologie im Rahmen eines von den Projektpartnern neu konzipierten Masterstudiengangs (Master of Arts in Psychotherapy and Psychotraumatology) ausgebildet. Prof. Dr. Dr. Jan Ilhan Kizilhan, Leiter der transkulturellen psychosomatischen Rehabilitation an der MEDICLIN Klinik am Vogelsang ist Dekan des Instituts. Ziel ist, dass diese Psychotherapeuten dann im Irak eine verbesserte Versorgung traumatisierter Geflüchteter in Kliniken, Betreuungseinrichtungen und in den Camps des Landes erreicht werden kann. Die Dozenten kommen aus Deutschland, Schweden und dem Irak. Sie arbeiten in den Praxisphasen unter anderem in 14 Flüchtlingscamps und im psychiatrischen Krankenhaus.

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Über die MEDICLIN Klinik am Vogelsang
Die MEDICLIN Klinik am Vogelsang in Donaueschingen ist eine Fachklinik für Psychosomatik und Verhaltensmedizin. Die Schwerpunkte der Einrichtung liegen in der Behandlung von Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen, funktionellen Störungen, Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen, nichtorganischen Schlafstörungen sowie Anpassungsstörungen im beruflichen und sozialen Bereich. Ein besonderer Schwerpunkt der Klinik ist die transkulturelle psychosomatische Rehabilitationsbehandlung in der Muttersprache der Patienten, in der kulturspezifische Aspekte von Krankheitsverständnis und Krankheitsverarbeitung Berücksichtigung finden. Die Klinik verfügt über 95 Betten und beschäftigt rund 70 Mitarbeiter.
Am MEDICLIN-Standort Donaueschingen befindet sich neben der Klinik am Vogelsang auch die MEDICLIN Seniorenresidenz Am Baar-Zentrum sowie das MEDICLIN Zentrum für Psychische Gesundheit Donaueschingen.

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Über MEDICLIN
Zu MEDICLIN gehören deutschlandweit 36 Kliniken, sieben Pflegeeinrichtungen, zwei ambulante Pflegedienste und zehn Medizinische Versorgungszentren. MEDICLIN verfügt über knapp 8.300 Betten und beschäftigt rund 10.000 Mitarbeiter.
In einem starken Netzwerk bietet MEDICLIN dem Patienten die integrative Versorgung vom ersten Arztbesuch über die Operation und die anschließende Rehabilitation bis hin zur ambulanten Nachsorge. Ärzte, Therapeuten und Pflegekräfte arbeiten dabei sorgfältig abgestimmt zusammen. Die Pflege und Betreuung pflegebedürftiger Menschen gestaltet MEDICLIN nach deren individuellen Bedürfnissen und persönlichem Bedarf – zu Hause oder in der Pflegeeinrichtung.
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